Was ist ein Fibromyalgie-Syndrom?
Die Fibromyalgie (wörtlich: Faser-Muskel-Schmerz) wird zu den somatoformen Schmerzstörungen*) gezählt. Sie wird auch als GTM= Generalisierte Tendo-Myopathie bezeichnet, eine chronische, nicht-entzündliche Erkrankung, die sich durch diffuse Schmerzen an vielen Stellen des Körpers, v.a. in der Muskulatur und an den Sehnenansätzen äußert. Dabei ist eine erhöhte Empfindlichkeit an sog. "Tender-Points" (Schmerzdruckpunkten) charakteristisch. Der Begriff "Tender-Points" bezieht sich auf eine größere Schmerzsensibilität in präzise lokalisierten Arealen, die sich im Nacken, Rücken, Schultern und Hüften finden.
*) Bei einer somatoformen Schmerzstörung handelt es sich um subjektiv empfundene, mindestens 6 Monate andauernde, intensive und quälende Schmerzen in einem Körperteil oder mehreren Körperregionen, die nicht ausreichend durch eine körperlich organische Störung oder ein physiologisches Geschehen erklärt werden können. Das Auftreten dieser Schmerzen kann gekoppelt sein mit (z.T. schweren) emotionalen und/oder psychosozialen Belastungen oder Konflikten, die in entscheidendem kausalen Zusammenhang zu deren Genese stehen können.
Menschen, die an dieser Erkrankung leiden, berichten oft überweitere Beschwerden wie z.B. Schlafstörungen, Müdigkeit, Morgensteifigkeit, evt. Symptome eines Colon irritabile (Reizdarm-Syndrom), depressiver Verstimmung oder depressive Episoden, Ängsten und v.a. Symptomen.
Leiden viele Menschen unter Fibromyalgie?
Laut einer der US-Regierung vorliegenden Studie haben 2% der Bevölkerung die gesicherte Diagnose Fibromyalgie. Auf Deutschland bezogen sind dies daher wohl mind. ca. 1,6 Millionen Betroffene. Anderen Schätzungen gehen sogar von ca. 3-5 % der Bevölkerung aus, die unter Fibromyalgie leiden. Darunter befinden sich viele Frauen im gebärfähigen Alter, aber auch Kinder und Senioren (über das 65. Lebensjahr hinaus!).
Das Verhältnis Frau : Mann beträgt 9:1!
Was verursacht die Fibromyalgie?
Obwohl die Ursache der Fibromyalgie unbekannt ist, haben Forscher einige Theorien hinsichtlich ihrer Ursache und Entstehung entwickelt. Einige Wissenschaftler postulieren, dass die Fibromyalgie durch eine Verletzung, ein Trauma oder durch Operationen ausgelöst werden kann. Dieses Trauma wirke dann auch (ggf. viel später) auf das Zentralnervensystem.
Fibromyalgie ist sehr wahrscheinlich mit Veränderungen im Muskelstoffwechsel assoziiert, z.B. im Sinne einer Mangeldurchblutung und Sauerstoffunterversorgung, welche Müdigkeit und Schwäche verursachen kann. Bei Fibromyalgiepatienten finden sich im Labor u.a. erniedrigte Carnitin-Werte der Muskulatur; die Substanz P wird dann in der Muskulatur (sonst nur im Liquor) gefunden. Studien zeigten auch abnorm niedrige Cortisolspiegel im Urin bei Fibromyalgie-Patienten. Menschen, bei denen im Körper zu wenig Cortisol (Kortison) freigesetzt wird, zeigen häufiger fibromyalgietypische Symptome. Laborchemisch sind hohe Antikörper-Werte gegen Serotonin, Ganglioside und Phospholipide (alles an der Schmerz- und Entzündungsentstehung beteiligte Stoffgruppen) überdurchschnittlich häufig bei Fibromyalgiepatienten nachgewiesen worden.
Andere Mediziner vermuten Viren oder Bakterien als Ursache einer Fibromyalgieentstehung. Auch gemeinsame Genabschnitte, die auf eine erbliche Komponente hinweisen, sollen existieren.
Diagnostik der Fibromyalgie
Fibromyalgie lässt sich nicht leicht diagnostizieren, zumal viele Symptome andere Erkrankungen „imitieren“. Die Symptome betreffen bis zu 15 andere ärztliche Fachgebiete! Heute dauert es im Durchschnitt ca. 8 - 10 Jahre vom Auftreten des Fibromyalgie-Syndroms bis zur Diagnosestellung!!
Voraussetzung für die Verdachtsäußerung einer Fibromyalgie ist eine angemessene Anamneseerhebung durch den behandelnden Arzt.
Die anamnestischen Angaben werden von den Patienten manchmal weitschweifend bis unklar, nicht selten klagend bzw. anklagend vorgebracht. Häufig besteht eine überwiegend körperliche Ursachenüberzeugung und Behandlungserwartung.
Das American College of Rheumatology (ACR) hat 1990 Diagnosekriterien für die Fibromyalgie entwickelt, an denen sich Ärzte orientieren können. Nach Angaben des ACR ist der Verdacht auf Fibromyalgie zu erhärten, wenn diffuse Schmerzen und Beschwerden (s.o.) in Kombination mit mindestens 11 von 18 Tender-Points (s.o.) auftreten.
Die Diagnose sollte weder leichtfertig noch zu spät gestellt werden. Je später allerdings die Diagnose gestellt wird, je mehr stattdessen beschwerdegesteuerte organische Diagnostik durchgeführt wird, umso stärker wird die Ursachenüberzeugung des Patienten auf körperliche Ursachen fixiert und eine Chronifizierung - auch durch die Medizin(er) - begünstigt.
Behandlung der Fibromyalgie?
Die Behandlung der Fibromyalgie erfordert ein umfassendes Behandlungskonzept. Arzt, Physiotherapeut, Psychologe und Psychotherapeut und Patient spielen jeder ein aktive Rolle in der Fibromyalgiebewältigung. Oft werden umfangreichere Therapiemaßnahmen (mit Psychotherapeutischer Betreuung) unter stationären Bedingungen durchgeführt.
Die Patienten können insgesamt, ambulant oder stationär, von einer Kombination aus Bewegungstherapien, Medikamenten, individueller physikalischer Therapie und Entspannungsverfahren profitieren durch komplementäre Therapieverfahren s.u. ggf. ergänzt!
Medikamentöse Therapien
Oft sind Patienten in erheblichem Maß mit Medikamenten vorbehandelt . Eine Einnahme nach festgelegtem Schema (Retardmedikamente) anstatt nach Bedarf und bei gesicherter Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung ein stufenweises Ausschleichen stärker wirksamer Schmerzmittel (Stufe II+ III nach WHO) - unter psychotherapeutischer Begleitung und ev. Ersatzmedikation sollten angestrebt werden.
Tri- und tetrazyklische Antidepressiva (Amitriptylin und Imipramin). Diese Medikamente gelten für anhaltende somatoforme Schmerzstörungen als wirksam! Diese Antidepressiva können stimmungsaufhellend und schlafverbessernd wirken.
Tranquilizer oder Neuroleptika werden eher nicht empfohlen.
Muskelrelaxantien (z.B. zentralwirksame Nichtopioide (z.B. Flupirtin) helfen, solange Verspannungen festzustellen sind.
Speziell für die Fibromyalgie wurde bisher noch kein Medikament entwickelt.
Ergänzungs- und komplementäre Therapien
Infusionsserien (mit überwiegend pflanzlichen Wirkstoffen) können durchaus deutlich schmerzvermindernd und immunologisch „stabilisierend“ wirken.
Akupunktur ist für viele eine schmerzlindernde Therapie, die auch bei den, oft chronisch müden, antriebs- und energiearmen, Patienten energetisch ausgleichend und Immunsystem unterstützend wirkt.
Studien haben gezeigt, dass Aerobic, Schwimmen und Spaziergänge (kein Jogging!) die Fitness verbessern und dadurch Muskelschmerz und Steifigkeit lindern. Rund die Hälfte aller Patienten sprechen sehr positiv auf eine trockene Ganzkörper-Kältetherapie (bei -110 ° C ) an, der übrigen Hälfte hilft eine trockene Ganzkörper-Wärmetherapie (z.B. auf der Sandbank oder in der Infrarot-Wärmekabine) erheblich. Feuchte Kälte- oder Wärmeanwendungen haben sich als ungünstig erwiesen. Cortison und sonstige Rheumamittel waren oft nicht sehr lang eine Erleichterung. Statt "normaler" Massagen sollte ggf. Lymphdrainage verordnet werden. Als weitere physiotherapeutischen Maßnahmen erwiesen sich sowohl die Akupunkturmassage nach Penzel als auch die „Sanfte“ Wirbelsäulentherapie nach Dorn und Breuß als wirksam. Osteopathie kann z.T. sehr helfen und unterstützen, besonders wenn die schulmedizinischen Möglichkeiten erschöpft sind (Achtung: keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen!)
Weitere Therapiemöglichkeiten
Selbsthilfegruppen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Diese Entwicklung hängt auch mit dem Umstand zusammen, dass mehr Patienten mit den örtlichen Versorgungseinrichtungen unzufrieden sind. Bei Krankheitsbildern mit z.T. chronischen Schmerzen, gibt es häufig nicht „die“ Heilung, sondern meist nur eine Erleichterung der Beschwerden. Erleichterung und Linderung der Beschwerden, auch emotionale Unterstützung, erfahren Patienten durch die Selbsthilfegruppen. Tipps und Erfahrungen von Betroffenen werden im Internet und Ortsgruppen ausgetauscht. Diese Gruppen bieten durch den Erfahrungsaustausch auch eine Plattform der sozialen Kommunikation.
Nachstehend einige überregionale Adressen in Deutschland:
Deutschen Fibromyalgie Vereinigung (DFV) e.V.

